Unromantisch romantisch!
Ein Semester in Polens Hauptstadt oder: wie ich auszog, um das Fürchten zu lieben
I. Ich komme, um mich zu beschweren.
Selbst Schuld, sagt meine Mutter am Telefon, du wolltest ein Abenteuer. Freunde und Familie schlugen seit Monaten die Hände über den Köpfen zusammen. Oh nein, du gehst nach Polen und hast keine Bleibe! Ich habe herzlich gelacht. Leute, habe ich gesagt, ich fahre doch nicht in eine andere Galaxie!
Mein erster Tag in Warschau gleicht einer Katastrophe. Ich zerre meine gesamte Wintergarderobe aus dem Hauptbahnhof Warszawa Centralna und überlege, ob ich vielleicht versehentlich in Amerika angelandet bin. Höher, schneller, weiter. Mit meinem 30-Kilo Koffer umrunde ich einmal das Wahrzeichen der Hauptstadt, den Kulturpalast. Angeblich stellte die Sowjetunion die polnische Regierung nach dem Krieg vor die Wahl: Kulturpalast oder Metro. Nun ragt dieser 230 Meter hohe Koloss über alle Gebäude der Stadt und die Metro fährt noch heute nur nach Norden und Süden. Eine Stunde suche ich die Universität. Dann nehme ich ein Taxi, obwohl es eigentlich nur 15 Minuten Fußmarsch gewesen wären.
Die Frau im International Office sitzt im dritten Stock, blickt genervt unter ihrem schwarzen Pony hervor und teilt mir in perfektem Englisch mit, dass es keine Plätze mehr im Studentenwohnheim gibt. Nachdem ich meinen Kleiderschrank wieder ins Erdgeschoss befördert habe, schleppe ich ihn durch das halbe Stadtzentrum und gefühlte 4563 Stufen nach oben. Von allen Seiten strömen Helfer, den Letzten schnauze ich an. Ich stehe vor einer Bahnbrücke, hinter mir das Nationalmuseum. Endlich finde ich eine Jugendherberge auf der ulica Smolna. Euphorisch öffne ich die Haustür. Mein Blick fällt auf einen Zettel: Anmeldung bitte im vierten Stock.
Copyright © Franziska Walther – Mar 15, 2008






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