Wenn ich nicht tanzen kann, ist es nicht meine Revolution.
Romantische Sicht auf eine romantische Protestbewegung
Eine Reportage von Simone Unger und Tilman Strasser mit Beobachtungen aus Rostock von Pina Nell und Mia Panther.
Er wird das nicht zum ersten Mal gefragt. Alle wundern sich über den Namen, sagt Jan-Egge Seddelies, und schiebt routiniert die Erklärung hinterher: Jan nach einem tschechischen Radfahrer. Meine Mutter stand auf Radfahrer. Egge, weil ich früher so berlinert habe; als ich nach Hannover gezogen bin, nannten mich alle den Icke aus Egge. Und Seddelies habe ich mal nachgeschlagen. Das heißt Seiltänzer. Er grinst. Ist litauisch.
Hannover, zehn Uhr morgens, im Mezzo. Jan-Egge, 26, ist müde. Er trägt 3-Tage-Bart und Cordjackett mit „Fight“-Button am Revers, vom Handgelenk baumelt ihm ein Lederbändchen, vom Ohr ein goldener Ring.
Unsere Verspätung tut er mit einer Handbewegung ab. Ich wollte heute sowieso erst am Nachmittag arbeiten gehen. Gerade macht er ein Volontariat bei der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung. Nebenbei ist er noch Student, Geschichte und Politik, aber den Magister mache ich wohl nicht mehr.
Seit er 16 ist, geht Jan-Egge auf Demonstrationen. Er engagiert sich für Umweltschutz und Asylrecht, protestiert gegen Folter, Abschiebung und Globalisierung, und er schreibt darüber. Hauptsächlich politische Lyrik: 2005 erschien sein Gedichtband „Niemals so ganz“ im zeter&mordio-Verlag, Hannover. Aber geht das so einfach? Schreiben über konkrete Missstände und globale Ungleichheit, ohne in Pathos abzurutschen?
15:32 Rostock, Innenstadt
Ein Meer aus Fahnen, Schildern und Wagen ist auf dem Weg zum Stadthafen. Überall sind die Gesichter der erwarteten Politiker zu sehen: Als überdimensionale Pappmaché-Figuren und als Karnevalsmasken, auf T-Shirts, Plakaten und Informationszeitschriften. Pace-Fahnen wehen neben selbst bemalten Leintüchern, Forderungen nach Schuldenerlass neben solchen nach lebensnotwendigen Medikamenten, die Beachtung der Menschenrechte neben einer gerechten Welt für Alle und internationaler Solidarität. Aus Lautsprechern von großen und kleinen Wägen dröhnt Musik, viele Demonstranten ziehen singend vorwärts. Es gibt Trommler, Trompeten- und Posaunengruppen, und Menschen mit an der Kleidung befestigten Glöckchen.
Copyright © Simone Unger und Tilman Strasser – Oct 14, 2007






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