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Leif Randt

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Wir spazieren über leere Straßen, vom Spielplatz zum Getränkediscounter und zurück. Es müsse auch hässlich sein und angreifbar und und nicht für jeden verständlich, meint Carlson Supreme und spricht von der Romantik in Vorstädten von Freitag Abend auf Samstag Früh. Er nennt Doppelhaushälften und stillen Asphalt und das Blau einer Aral-Tankstelle bei Nacht. Ich sehe in Carlsons Augen ein neues Teenage funkeln. Wir hören alte Songs und blicken in den Himmel; es ist die klarste Nacht seit Wochen. Umrissen vom Licht der Sterne reden wir über Gymnasien im April, über Jugendzentren zwischen Wiesen und Zivildienstleistende in Shorts.

In manchen Jahren empfand ich das Frühjahr als obszön; doch in diesem als den Beginn meiner Reise. – Mirinda Völker

Buchrücken motivieren Mirinda enorm; eines Tages wird auch sie aus Lyrik hinausleuchten und lächeln. Mirinda springt auf und posiert vor der Spiegelfront ihres Badezimmers als Polaroid. Mein Sepia-Foto auf Seite drei, wünscht sie nach dem Klappentext von Severin Funkes Debut. Severin Funke erkunde die Peripherien der Wahrnehmung; jede seiner Parataxen entfalte Panoramen. Mirinda liest die Zeilen ein zweites mal. Auf ihrem Klappentext würde stehen: Hinter den Limonadenstauden sind die Grenzen ent-stählt; ein Pony tanzt.

Wir werden in Zukunft das Straßenbild prägen und euren Alltag parfümieren. – The Romantic Comedians

Wir sind jetzt alle viel älter. Die ersten werfen Kinder in ihre nervöse Welt und geben ihnen artifizielle Namen. Und weil die sehr jungen Jugendlichen nur noch an den Nachmittagen tanzen, sind unsere Nächte kahl. Ich sitze auf der steilsten Treppe der Altstadt und genieße den Nebeldunst. An den Hauswänden ist nichts zu lesen. Würde ich mich konzentrieren, ich könnte den Schlafgeräuschen der Bewohner lauschen. Carlson Supreme setzt sich zu mir und schildert Wissen wie Spekulation. Sein junger Neffe schaue zu uns auf, sagt er, sein junger Neffe vergleiche sich mit uns und wolle eines Tages etwas völlig Anderes sein. Carlson und ich tauschen kryptische Sätze und spazieren über feuchte Kopfsteine. Es ist der längste Heimweg seit Wochen. Auch wir wollen eines Tages etwas völlig Anderes sein. Als die Sonne aufgeht, treffen wir Scoutrucksäcke, die auf pfeifenden Schulkindern durch die Ortschaft wippen.

Ich fühle mich aufgefordert auf den Dächern zu stehen und leere Sätze zu rufen. – Carlson Supreme

Mirinda geht jeden Tag früher ins Schlafzimmer, um länger wachzuliegen. Unter stoffumschweißten Daunen reaktiviert sie ihr erstes Handy und schreibt bis in die Morgenstunden Nachrichten an fiktive Ex-Partner. Jeder Text erreicht Windows und wird auf Post-It-Zettel gedruckt. Täglich pinnt Mirinda Sehnsuchts-Updates über den Herd. Diverse Korksteckwände sind über und über mit Halbsätzen bedeckt, die meisten Bürger ihrer Heimatregion würden die gelben Zettel missdeuten. Wir sitzen in Mirindas Küche und essen angebrannten Auflauf nachts um halb zwei. Carlson liest, Mirinda kaut, ich lebe den Moment. Wir sind umgeben von Sinnlichkeitsprotokollen und gründen Freundschaft.

Nächste Woche möchte ich ein neuer Mensch sein. Ich möchte Linda heißen; oder Sven. – Mirinda Völker

Wir haben eine Bierzeltgarnitur auf das Garagendach gestellt. Niemand von uns kann Karten spielen; also erzählen wir Anekdoten aus unseren Leben. Man sagt mir nach, ich verlöre den Bezug zu echten emotionalen Skandalen. Also erzähle ich nur vom Misslingen; Bilder flimmern vor meinen Augen, hoch glänzend, beinahe schwül. Carlson und Linda sind ironisches Personal. Sie hängen an meinen Lippen und werfen Halbsätze ein. Manchmal habe ich so viel Distanz zur Welt, dass ich meine engsten Freunde von außen sehe. Carlson hat rotes Haar und trägt grüne Pullunder, Mirinda gilt als egoman und verbringt ihre Zeit nur noch an Orten, an denen sie jubeln kann. Ihre Hände wehen durch die Luft, als Passanten vorübergehen.

Wir wollen im Feld liegen, wenn die Sonne versinkt. – The Romantic Comedians

Carlson Supreme heißt in Wahrheit Andreas Dörn. Wäre er sich treu geblieben, hätte er seinen Namen letztes Jahr ge-relauncht, würde Tigerflow heißen, Krypton oder Flyboy. Ich möchte den Andi von früher drücken und breite die Arme aus. Carlson sagt, als Andi verschließe sich jede große Emotion, diese Einsicht sei mit zwölf entstanden und bis 27 gereift. Es gebe kein Zurück, alles sei auf ewig in Bewegung. Carlson stellt sich an das geöffnete Fenster der Gartenlaube und trainiert Gänsehaut.

Wir handeln alle sehr angespannt, doch Romantik ist Trägheit; am Kiosk warten, ein Leben lang. – Carlson Supreme

Das große Kino der Gegenwart bietet niemals genug romantic comedy, sagt Carlson Supreme im Flimmern der Kanäle. Wir fordern Kameras in WGs und Ausnahmezustände zwischen Frühstück und Teezeit. Mehr New York im Hinterkopf, mehr Rheinland im Herzen, mehr junge Menschen wie dich und mich. Comedy ist die Situation in Abendgarderobe und romantic ist das Mädchen mit der dicken Brille. Wir sind in eine Straße im Westen gezogen, um an jedem Morgen ab neun wie im echten Fernsehen zu leben; Mirinda, Carlson und ich. Wir sprechen Dialoge, um uns als Figuren zu profilieren. Unsere Sprechweisen unterscheiden sich kaum. Einige leiden an inneren Konflikten; ich habe jeden Vormittag das Problem, dass mich mein Glück zerreißt.

Am Ende des Weekends sehe ich den Geist sämtlicher Metropolen in mir vereint. – Mirinda Völker

Ich sitze auf Mirindas Hartholzschemel, umstellt von Mittelklasseromanen. Carlson schläft auf einem Sofa. Mirinda betreibt exzentrische Wahrnehmung bei REWE und kauft Süßspeisen. Ihre Bibliothek stapelt sich alphabetisch bis zu meiner Hüfte hinauf. In jedem Skript stehen grandiose Zeilen. Ich zerschneide Bücher und verknüpfe die saubersten Sätze zum Feuerwerk des Jahres; Deutschlands neue Prosa brennt. Hunderte junge Frauen mit dynamischen Gedanken; hunderte ernste Boys mit superlangen Sätzen; verdichtetes Leben unter Softcovers. Als Mirinda zurückkehrt, verlese ich den explosivsten Plot unserer Dekade. Ich bezeichne mein Buch als Speed-Novelle und Carlson schreckt aus seinen Träumen. Mirinda überlädt Töpfe mit Pudding.

Wir schreiben unsere Freunde rund um den Globus an. Wir treffen uns in der Mitte und feiern auf karibischen Dampfschiffen. – The Romantic Comedians

Mirindas Kater tollt durch die Wohnung. Seine Pfoten knistern auf Teppich, das Fell ist golden und gesund. Wir fragen Mirinda, wie es möglich sei, dass ein junger Kater dermaßen schnell wachse. Sie antwortet mit Liebe. Carlson nennt den Kater Mieze, doch Mieze heißt Spacejam. Wir gehen in die Knie, um Spacejam zu betasten. Wir halten ihn für den massivsten Kater Europas. Mirinda improvisiert für ihn ein Zimmer zum Spielen; der Raum ist leer bis auf Details. Jeder von uns orientiert sich an Spacejams Wohnsituation. In meinem Zimmer liegt ein Kissen; auf dem kann man liegen und stehen. Falls wir nächste Woche das Land verlassen, packen wir Spacejam in unseren fragilen PKW und fahren los. Für die Grenzbeamten erscheinen wir längst als Familie.

Beneidenswerte Zweisamkeit: Paul Auster & Siri Hustvedt // Kid Rock & Pamela Andersen. – Mirinda Völker

In unserem Vorgarten versammeln sich Siebenjährige in vielfarbigen Skianzügen und spielen Technoparty. Wir stehen auf dem Balkon und grillen. Carlson Supreme behauptet, die dominanteste Romantik finde sich im engsten Idyll. Er nimmt etwas Sojafleisch vom Rost, hält es ins Licht und sagt: Der gesamte Glückskosmos vereint sich in diesem Stück Wurst.


Copyright © Leif Randt – Oct 13, 2007

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