SuperProjekter – Dein Projekt für den Monat
Projekt 1: Hinschauen. Sammeln. Archivieren. Der Handy-Snapshot.
Die große Lebensaufgabe hat ja niemand mehr. Niemand hat mehr die Spannungsbögen, die epischen Stoffe für die Literatur von heute. Stattdessen akkumuliert man Projekt an Projekt, Episode an Episode, und nennt es dann literarisches Leben oder gar Karriere. Das hat zwar viel Kontingenz und ist ursuppenromantisch, doch dummerweise gehen bei soviel viel gelebtem Fragmentismus schnell einmal die Projekte aus. Dafür gibt es jetzt SuperProjektor. Anstatt gängige Meinungen in eigenen Worten zu reproduzieren, werden hier Projekte vorgestellt und wieder abgewiesen. Lebensentwürfe präsentiert und wieder eingestampft. Exklusiv auf lit07.de: Deine literarische Lebensmöglichkeiten, dein romantisches Projekt für den Monat X. Vorgestellt und vorgelebt von Kai Splittgerber und vom SuperProjektor-Selbsterfahrungsexperten Stefan Mesch kommentiert.
Wir brauchen eine Kolumne, sagt wieder so ein langhaariger Chefredakteur. Seine Lederjacke ist definitiv eine Nummer zu groß für ihn. Wir brauchen eine Kolumne und wir haben schon drei Absagen bekommen. Du bist unsere letzte Chance. Diesem Menschen ist natürlich klar, dass diese Kolumne gar keine Kolumne mehr sein darf. Von der vierten Wahl ist bestenfalls zu erwarten, dass sie keine Meinung hat. Die vierte Wahl könnte so etwas wie Netznotizen machen.
Genau. Ein Tag in Notizen, Ton- und Bildaufnahmen. Jeden Tag fünf Fotos von sich und der Welt, angehängt an eine tagebuchähnliche Eintragung. Schau, wie die Welt sich verändert. Schau, wie du dich veränderst. Schau, in welchen paranoiden Wahnsystemen du vor vier, zehn, fünfzehn Jahren gelebt hast. Macht Spaß. Aber wer erst einmal seine Frisur von Mitte der 90er auf einem Foto gesehen hat, weiß wie schnell sich dieses Spiel erschöpft.
Als 2001 die ersten Kamerahandys zum kulturellen Eigentum wurden, galt noch der Leitsatz: Das Periphere, das Flüchtige des eigenen Tages festhalten! Es galt die Idee des Selbstarchivs aus Alltagbeobachtungen und Snapshots, die man dann mit einer kurzen Notiz ins digitale Tagebuch überführt.
Was für ein Freiheitsgefühl das gewesen sein muss, nicht mehr alle Nase lang Filme ein- und auslegen zu müssen, sondern einfach mal 100fach Snapshots zu machen. Kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Über solche Archive ließen sich noch wunderbare Psychogramme entfalten. Was sagt eine Bildserie beispielsweise über jemanden aus, der seit drei Jahre Fotos von den neben sich parkenden Autos macht, weil er Angst hat sein Nebenparker könnte ihm beim Öffnen der Türen Kratzer in den Lack schlagen? Oder was sollen solche Bildserien von Menschen, die jeden Morgen sich und ihr Frühstückbrötchen fotografieren? Oder gar Menschen, die ihrer Katze eine „CatCam“ um den Hals binden und den Tag von Mr. Lee ins Netz stellen?
Copyright © Kai Splittgerber – Jul 31, 2007






