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Simone Unger

Im Powerhaus der Romantik

Lit im Gespräch mit Prof. Dr. Silvio Vietta über große Bögen, klare Linien und die Gefahr des romantischen Erbes


Prof. Dr. Silvio Vietta, 1941 in Stade geboren, lehrte von 1982 bis 2006 am „Institut für Deutsche Sprache und Literatur“ der Universität Hildesheim. Zuvor war er an den Universitäten in Heidelberg, Tübingen, Mannheim und Bamberg tätig.
Schwerpunkte seiner Forschung und Lehre sind Frühromantik und expressionistische Moderne. 2006 erhielt er den Nietzsche-Preis des Landes Sachsen-Anhalt. Zuletzt ist sein Buch „Der europäische Roman der Moderne“ im UTB-Verlag erschienen.

lit: Zur Zeit scheint die Romantik gerade wieder ein Revival zu erleben: Eine neue Eichendorff-Biographie, Isaiah Berlins „Wurzeln der Romantik“ und natürlich Rüdiger Safranskis großes Romantik-Buch.

Vietta: Die Romantik ist ja aus einem Mangel heraus entstanden, denn der ganze Bereich „Gefühlskultur“ war in der Aufklärung nicht gut aufgehoben. Und diese vernunftorientierte Richtung ist im Kern das Problem der ganzen westlichen Kultur geblieben, denn auch heute haben die Phantasie und das Gefühl in der Arbeitswelt mit ihrer rationalen, bürokratischen Organisationsstrukturen keinen Platz.

lit: Romantik ist Gegen-Aufklärung?

Vietta: Nein, die Romantik ist nicht einfach nur die Antithese zur Aufklärung. Das hat man früher so gesehen, in den 30ern. Die Romantik ist eine höhere Stufe, sie hat Aufklärung in sich aufgenommen. Viele Positionen, wie das Freiheitsdenken zum Beispiel oder die Subjektivität, sind integriert worden.

„Das Bewusstsein selbst ist eine Form von Produktivität“

lit: Für Sie stellt die Ästhetik der Romantik die zentrale Wende in der europäischen Kulturgeschichte dar. Warum?

Vietta: Gerade die Frühromantiker, insbesondere Novalis und Schlegel, haben sehr genau die Philosophie der Aufklärung studiert. Da gibt es einen neuen, zentralen Gedanken, nämlich dass das menschliche Bewusstsein selbst eine Form von Produktivität ist. Der Geist produziert das Wissen. Diesen Aspekt haben die Romantiker in die Ästhetik übertragen. So sagt Novalis, dass den modernen Künstler gar nicht der Vorwurf der Nachahmung treffen könne, weil er das Schöne aus sich selbst heraus produziere. Ein zentraler Paradigmenwechsel. Ich nenne die Romantik gern auch die „Urszene der Moderne“, weil dort die Komplexitäten und die Gegenläufigkeiten der Moderne beginnen: Zivilisation gegen Natur, Stadt gegen Land; oder die Emanzipation der Frau gegen die Herrschaft des Mannes.

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Copyright © Simone Unger – Jan 1, 2008

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Silvio Vietta: Die vollendete Speculation führt zur Natur zurück. Natur und Ästhetik.  [Copyright (c) 2006 Reclam Verlag]
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