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Theresa-M. Siegmund

Die vorgefertigte zur individuellen Romantik machen.

Ein Interview mit der Autorin und Kolumnistin Judith Liere.


Romantik – ein Begriff, den wir heute in den merkwürdigsten Zusammenhängen wieder finden. Amazon.de, Douglas oder Tschibo: Alle werben sie mit Romantik, und das nicht nur zum Valentinstag. Aber wer verschenkt eigentlich langstielige rote Rosen an besagtem Tag? Warum kaufen wir rote Plüschherzen für die Couchgarnitur? Weshalb bieten unzählige Lokale das „Candle-light-Dinner für zwei“ an? Und wer sagt überhaupt, dass das alles „romantisch“ sei?

Die Autorin und Kolumnistin Judith Liere versucht, das allgegenwärtige Romantiksyndrom zu verstehen – und uns zu erklären. Liere, die Germanistik, Medienwissenschaft und Italienisch in Marburg und Hamburg studierte, Kolumnen für den „UniSPIEGEL“ und für „SPIEGELonline“ schrieb, gab 2006 mit „Hit-Single“ ihr Romandebüt. Zur Zeit lebt die 28-Jährige in Wien, wo sie als Dramaturgie-Assistentin am Burgtheater tätig ist. Ganz nebenbei arbeitet sie an ihrem zweiten Buch – welche Rolle die Romantik da spielen wird, bleibt abzuwarten.

lit: Judith, warum werden wir heute derart mit „Romantik“ überhäuft?

Liere: Ich glaube, dass es da mehrere Gründe gibt – einer der Hauptgründe ist wahrscheinlich, dass es sich gut verkaufen lässt. Das Bedürfnis nach Romantik wird sicher durch den Wunsch, aus dem normalen und anstrengenden Alltag auszubrechen und sich Inseln, also sozusagen Auszeiten mit besonderen Momenten zu schaffen, bedingt. Das Bedürfnis nach Alltagsfluchten und großen Emotionen wird immer wichtiger – aus einem ähnlichen Grund gehen Menschen vielleicht auch Extremsportarten nach, reisen in exotische Länder oder feiern exzessiv. Das hängt sicher auch mit der größer werdenden Bedeutung von Selbstverwirklichung zusammen. So wie es das Konzept von romantischer Liebe noch gar so lange gibt, sondern Beziehungen früher als Versorgungsgemeinschaften angesehen wurden, wurde früher auch dem individuellen Glück nicht so viel Wert beigemessen – einfach, weil es viel schwieriger zu erreichen war als in unserer heutigen „Wohlstandsgesellschaft“.

lit: In asiatischen oder afrikanischen Teilen der Erde ist diese künstliche Romantisierung nicht gegeben. Ist der Konsum von Romantik kulturabhängig?

Liere: Darüber weiß ich zu wenig, um die Frage angemessen beantworten zu können, ich könnte mir aber vorstellen, dass es da kulturelle Unterschiede gibt. Ich denke aber, dass gerade die künstliche Romantisierung auf reiche Gesellschaften beschränkt ist – eine Art Luxusphänomen.

lit: Warum diktieren Medien, Supermärkte oder Bands was „romantisch“ ist und warum folgen so viele Menschen diesem vorgegebenen Bild? Ist es nicht viel romantischer, spontan und individuell dem oder der Liebsten eine Freude zu bereiten?

Liere: Ich bin nicht sicher, ob die Individualität wirklich so eine große Rolle gespielt hat. Es gibt ja typisch „romantische“ Situationen, Kerzenlicht, Sonnenuntergänge etc., die natürlich auch in den Medien und der Industrie aufgegriffen und verarbeitet werden – weil sie scheinbar in den meisten Menschen auch wirklich die „romantische Ader“ ansprechen. Und auch wenn ich weiß, dass ein Sonnenuntergang am Meer mit dem Liebsten einem romantischen Klischee entspricht, bleibt das ja ein individueller Moment zwischen zwei Menschen. Warum aber so viele Leute Bärchen mit Herzchen oder was auch immer verschenken und das romantisch finden, kann ich nicht nachvollziehen. Vielleicht, weil es so einfach ist, auf vorgefertigte Angebote zurückzugreifen. Selbst kreativ werden kostet ja wesentlich mehr Anstrengung.

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Copyright © Theresa-M. Siegmund – Sep 1, 2007

Judith Liere [Copyright (c) Arabella Schwarzkopf]
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Judith Liere: Hit-Single. [Copyright (c) 2006 Rowohlt-Verlag]
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