Das sind echte Märchen
Der Autor und Dramaturg John von Düffel mit lit im Gespräch über das fatale Bild des Originalgenies, den Autor als Manager und ein Leben ohne Bücher
John von Düffel, 1966 in Göttingen geboren, studierte Philosophie, Germanistik und Volkswirtschaftslehre und promovierte im Alter von 23 Jahren. 2004 wurde seine schriftstellerische Arbeit für den Film „Houwelandt – Ein Roman entsteht“ dokumentiert. Zuletzt erschien sein Roman „Beste Jahre“ im DuMont Verlag. Von Düffel lebt in Bremen und arbeitet als Dramaturg am Thalia Theater in Hamburg.
lit: Herr von Düffel, es gibt diese sehr stark durch die Romantik geprägte Vorstellung von einem Autor: der Autor als einsames Genie, das in einem fast wahnhaften Schaffensdrang ganz aus sich selbst heraus schöpft, am besten noch während der Mond in seine Dachstube scheint. Und jetzt kommen sie mit dem Film „Houwelandt – Ein Roman entsteht“ und zeigen uns ein viel nüchterneres Bild vom Autorensein. Ging es ihnen dabei um die Entzauberung dieses alten Mythos?
John von Düffel: Die Wirkung des Films ist tatsächlich die einer Entzauberung. Das, was an dem Film so ernüchternd wirkt, ist, dass man einfach mitkriegt, dass es einen ganz normalen Schriftsteller- oder Autorenalltag gibt. Und dieser Alltage ist, wie der Alltag von vielen anderen Menschen in verschiedenen Berufen auch, von harter und kontinuierlicher täglicher Arbeit geprägt. Dieses Magisch-mystische, dass der Schriftsteller eine Muse hat, oder ihn die Inspiration überkommt und plötzlich ist das Werk fertig, diese rauschhaften Schaffensprozesse sind nicht das, was das Schriftstellerdasein wirklich ausmacht. Das erzählt der Film in erster Linie. Auf der anderen Seite erzählt er aber auch sehr viel vom Literaturbetrieb als Literaturvermittlungsbetrieb. Denn man macht ja heute eigentlich zwei Berufe: der eine ist der des Autors, das ist noch immer ein stiller und auf sich bezogener Beruf und dann macht man aber auch noch den des Literaturvermittlers und das ist natürlich ein teilweise trommelnder und sehr anstrengender Beruf.
lit: Ist es so, dass sich die Anforderungen an einen Autor in den letzten Jahren verändert haben? Oder hat man früher nur nicht so offen über die ganzen Vermarktungsmechanismen gesprochen?
Düffel: Ich kann das nur ganz schwer beurteilen, weil man von der Vergangenheit natürlich immer ein verklärtes Bild hat. Aber die mediale Landschaft hat sich schon sehr verändert. Als ich mit „Vom Wasser“ anfing, hatte das einen sehr großen Presseerfolg bei den Zeitungen, aber durch den Aspekte-Preis, den Literaturpreis des ZDF, eben auch beim Fernsehen. Und was mir damals noch nicht so bewusst war, ist, dass die Vermarktung nicht mehr so stark über die Zeitungen erfolgt, sondern immer mehr übers Fernsehen. Es spielen immer mehr solche Massenmedien eine Rolle, die eigentlich nicht die geeigneten Formate für Literatur haben. Denn natürlich kann ich in dreißig Sekunden im Fernsehen inhaltlich überhaupt nichts sagen. Da ist es eher wichtig, ob ich sympathisch aussehe - und darüber mache ich mir ungern Gedanken. Es findet also eine sehr starke Aushöhlung statt, es wird nur noch wenig Substanz transportiert bei dieser Vermittlung. Das Schöne allerdings ist, dass es bei aller Konzernmacht, bei aller Monopolbildung auf dem Literaturmarkt, immer noch Überraschungen gibt. Da schreibt zum Beispiel eine vierzigjährige Frau ein Buch über einen Kriminalfall in einem Dorf und dieses Buch erscheint bei einem Kleinverlag und wird zu einem Bestseller, das war zum Beispiel bei „Tannöd“ bei Fall. Und das kann man ja jetzt finden wie man will, aber so etwas ist immer noch möglich.
Copyright © Tessa Müller und Lisa-Maria Seydlitz – Mar 15, 2008






![John von Düffel: Houwelandt [Copyright (c) DuMont Buchverlag]](seydlitz-mueller-von-dueffel-maerchen-cover-1.jpg)

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