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Lino Wirag

Linien der Sehnsucht: zu Hugo Pratt und Corto Maltese

Hugo Pratt zeichnet einen Kapitän auf romantischer Irrfahrt


Eco behauptete, Hugo Pratt habe sich in Corto Maltese selbst geschaffen: als „Elfe“. Wer Fotos von Pratt kennt, weiß allerdings, dass ihm nichts Fabelhaftes anzusehen ist – der Flinkzeichner hatte Pranken wie ein Metzger. In Interviews erzählte der italienisch-französische Polyglobetrotter gerne davon, wie er von seinem argentinischen Verleger gezwungen wurde, die Bleistiftskizzen für den nächsten Kriegscomic fertig zu machen, bevor er Geld für den Puff bekam. Soviel zur Elfe.

Sein gereiftes Werk ist poetischer strukturiert. Die Abenteuer um Corto Maltese liefen 1967 vom Stapel – der Kapitän ohne Schiff, der sich zur Trägerfigur von zwölf Alben entwickelte, war zunächst als Nebenfigur konzipiert. Dass sich Una Ballata del Mare Salato zu einem 165-seitigen Epos auswachsen würde, konnte Pratt noch nicht wissen. Munter klebte er Szene an Szene, Figur an Figur, Motiv an Motiv an Motiv. Bei seinem Erstabdruck erregte der Comic dennoch nicht viel Aufmerksamkeit. Heute gilt er als erste europäische Graphic Novel – so lautet die Bezeichnung für Comicformate, die sich in Narration und Struktur der epischen Vorlage des Romans annähern.

Eigentlich eine Beleidigung: ein Comic kann vieles sein – ein Roman ist er sicher nicht. Wer aus dem Begriff auch noch sprachen- und sinnüberschreitend die „grafische Novelle“ zaubert (stellvertretend sei hier der Verlag Kein & Aber genannt), dem geht es mehr um Trends als um Termini.

Männerwelten: Uniformen, Gewehre, feindliche Natur

Aber back to Pratt: Dieser hatte die Jahre vor Cortos erstem Auftreten mit pariahaftem Reisedasein und dem Verfertigen militaristischer Comics für den lateinamerikanischen Markt verbracht. Schmucke Uniformen, ratternde Waffen, eckige Männer- und sanfte Frauengesichter bildeten darin wiederkehrende Motive. Nicht von ungefähr hieß eines der Magazine, das sich ausschließlich der Veröffentlichung von Pratts Arbeiten widmete, „Sgt. Kirk“.

Fast im Schlaf beherrschte der Zeichner Pratt die Posen und Gebärden, mit denen Soldaten in irgendwelche Dschungel einfielen. Oft zeichnete er, ohne sich vorher Skizzen zu machen: schnell, viel, fast immer von hoher Qualität. 15.000 Seiten sollen es geworden sein. Mit der Feder holte er die Konturen aus dem Papier, legte dann mit dem Pinsel dicke Schattierungen nach. In Corto Malteses erstem Abenteuer, Una Ballata del Mare Salato, ziehen sich die Schattenstreifen wie Würmer über Kleidung und Haut der Figuren. Pratts realistische Zeichenkunst erstreckt sich auch auf Bäume, Wasser, Wolken: alles wird mit Tusche gemeißelt. Er selbst mystifizierte sich später als „Expressionist“, dessen Traum es sei, „etwas mit einer Linie, die eine Folge von Punkten ist, zu zeichnen, und mit dieser Linie alles zu erzählen“.

Dass die vereinfachte Darstellungsweise in Pratts Frühphase den Druckbedingungen geschuldet war, erhob der Autor zu stilbildender Übung. Er legte seine Handschrift nicht mehr ab. Auch als gefeierter Meister zeichnete er, als würden seine Originale immer noch auf billiges Papier gerieben. Und das natürlich in schwarz-weiß – was den italienischen Mainstream-Comic bis heute prägt. Aber das hat auch narrative Gründe: „Neben der direkten Wirkung des Bildes spielt auch die Dynamik der Zeichnung eine große Rolle“, sagt Pratt und beschwört die „Notwendigkeit, mit Bildern schnell etwas zu erzählen“.

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Copyright © Lino Wirag – Mar 15, 2008

Hugo Pratt: Corto Maltese. [Copyright (c) Carlsen Verlag]
Hugo Pratt: Cour des mystères. [Copyright (c) Carlsen Verlag]
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