thema:romantik

Lisa Wetendorf

Before Sunset

Sex, Drugs and Rock’n’Roll für Anfänger


Schließen Sie die Augen und stellen Sie sich vor, wir wären weit weg von hier. An einem Ort, der niemals schläft. An einem Ort, den jeder von uns zu kennen scheint. Stellen Sie sich vor, wir wären in L.A. Stilvoll betrachten wir das bunte Treiben auf dem schillernden Sunset Boulevard durch die getönten Scheiben unseres Geländewagens. Neben dem Wagen flaniert eine junge Frau die Straße entlang. Und während wir, die Vorbeifahrenden, noch aufgeregt schauen, sind wir bereits mitten in Jonathan Lethems neuem Roman: „Du liebst mich, du liebst mich nicht“. Und damit sind wir mitten in einem komplexen Geflecht aus Beziehungen, in denen es um mehr geht als nur um Liebe: In den glatten Glasfassaden der Metropole spiegeln sich die Lebensträume einer Handvoll Menschen, die Erfüllung und Selbstverwirklichung, Geborgenheit und einen Platz im Leben suchen.

Lucinda jobbt als gewissenhafte Telefonistin einer Nörgler-Hotline. Tagtäglich befasst sie sich mit anonymen Anrufern. Erdacht ist die Hotline als Kunstprojekt eines gelangweilten Galeristen und dennoch löst sich die Wirklichkeit bald von der Idee, als einer der Unbekannten für Lucinda langsam mehr wird als nur ein „Nörgler“. Von ihm geht eine Faszination aus, die Lucinda dazu bringt, die sichere Anonymität für ein Treffen in der wirklichen Welt aufzugeben.

Auch in Jonathan Lethems früheren Werken tauchen solche, sich langsam andeutenden Wendungen auf. Doch anders als im Vorgängerbuch „Die Festung der Einsamkeit“ (2003) will sich der von Kritikern gefeierte Lethem nicht mehr mit dramatischen Weltentwürfen begnügen. Sein Hang zur Verknüpfung von Literatur und Musik dagegen bleibt. So überrascht es wenig, dass die Protagonisten in einer Band spielen, die die unterschiedlichen Charaktere miteinander vereint. Blendend gut gelaunt erscheinen die detaillierten Momentaufnahmen ausschweifender Parties und denkwürdiger Konzerte. Der große Durchbruch scheint zum Greifen nah.

Doch unter den verspiegelten Oberflächen tun sich Abgründe in den Hochhausschluchten der Stadt auf. Hinter jeder Straßenecke scheint ein dunkles Geheimnis zu warten. Der Tiefe Fall der Protagonisten bleibt jedoch aus. Hier werden bekannte Handlungsstränge aneinandergesetzt. Die Figuren bewegen sich zwischen festen Größen. Leidenschaft. Liebe. Schmerz. Vermisst wird die Tiefe.

Dennoch: Wir riechen den Schweiß, wir sehen das Flimmern über dem Asphalt, den Schmutz der Straße. Liegt es an der heißen kalifornischen Sonne? Oder dem Hochprozentigen, das sich spätestens nach dem ersten Drittel der Lektüre wie von selbst nachschenkt? Das Gefühl, das „Du liebst mich, du liebst mich nicht“ hinterlässt, könnte treffender nicht sein, um die heiße und wogende Hitze eines Sommertags in der Großstadtmetropole spürbar werden zu lassen.

Jonathan Lethem: Du liebst mich, du liebst mich nicht. Tropen Verlag, Berlin 2007, 249 Seiten, Hardcover. 19,80 Euro.


Copyright © Lisa Wetendorf – Jan 1, 2008

Jonathan Lethem: Du liebst mich, du liebst mich nicht. [Copyright (c) Tropen Verlag]
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