Bis zum bitteren Irrtum
Thomas Karlauf erzählt in seiner George-Biographie von Leben und Tod einer schönen Idee
Zum Schluss die Tat: Das finale Kapitel in Thomas Karlaufs großer Stefan George-Biographie handelt von einem der berühmtesten Mordversuche. Bei Gelingen hätte der Anschlag auf Adolf Hitler im Jahr 1944 wohl Millionen Leben gerettet. Der Ausführende: Claus von Stauffenberg, einer der letzten Vertrauten Stefan Georges. Er ließ der Nachwelt keinen Zweifel daran, in wessen Namen das Attentat geschah: „Es lebe das geheime Deutschland!“ soll er kurz vor seiner Exekution gerufen haben. Noch in der Todesstunde war er Anhänger jenes „Staats im Staate“, der eigentlich elf Jahre zuvor mit seinem Schöpfer George gestorben war. Stauffenbergs Ausruf muss zunächst umso merkwürdiger erscheinen, da George selbst als unpolitisch galt, die deutsche Entwicklung allenfalls naiv kommentierte – und von der Nachwelt oft in bedenklicher Nähe zum Gedankengut des Dritten Reiches gesehen wird.
Erschütterndes nüchtern erzählt
Dem stillen Vorwurf, George sei ein Nazi-Dichter gewesen, geht Thomas Karlauf in seiner Biographie akribisch nach. Vieles lässt sich posthum dem Poeten vorwerfen: Nicht deutlich genug hat er sich von den braunen Aufmärschen distanziert, sein Schweigen gegen Lebensende war mehr Kapitulation als entschiedene Ablehnung. Am schwersten wiegt der vage Verdacht auf Populismus: Seinem letzten Gedichtband, 1928 erschienen, gab George kurz vor dem Druck den Titel „Das neue Reich“. Die Gründe dafür sind nicht mehr zu eruieren.
Sorgfältig untersucht Karlauf jeden Kommentar und jedes Gedicht, das in diesem Kontext eine Rolle spielen könnte. Letztendlich zeichnet er das Bild eines elitär denkenden Künstlers, der der Tagespolitik schlicht desinteressiert gegenüberstand: Zwar sind viele seiner Einschätzungen des NS-Regimes fahrlässig, eine national-rassische Denkweise aber war dem Dichter aus Bingen fremd.
In ähnlich nüchterner Manier nähert sich Karlauf auch einem anderen heiklen Thema: Georges Homosexualität und seiner Vorliebe für Knaben. Zwar schockieren die zahlreichen Affären innerhalb seines Männerzirkels, im Gegensatz zu damals, niemanden mehr. Die gezielte Suche nach gutaussehenden „Jünglingen“ aber, die geschickt in den erlesenen Kreis und in eine psychische Abhängigkeit zum „Meister“ gezogen wurden, irritiert durchaus noch heute.
Copyright © Tilman Strasser – Jan 1, 2008






![Thomas Karlauf: Stefan George: Die Entdeckung des Charisma. [Copyright (c) Karl Blessing Verlag]](strasser-karlauf-stefan-george-cover.jpg)

