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„Er weiß was er will, und er wird es auch für sie wissen“
In seinem Bestseller „Keine Sorge, mir geht’s gut“ beschreibt der Franzose Olivier Adam eine Geschwisterbeziehung, dessen Ende eine junge Frau in die Orientierungslosigkeit reißt
Der Autor Olivier Adam stammt selbst aus einem dieser Pariser Vororte, in dem er seine Protagonistin, die 22-jährige Lili, hat aufwachsen lassen. Überraschenderweise ist dies aber nicht eines dieser Klischee-Ghettos, die in den letzten Jahren das Medienbild von Paris dominierten: Lili kommt aus einem der Vororte, die es in jeder größeren Stadt gibt. Sauber und geordnet – und dabei schrecklich leblos. Sie verbreiten „dieses Gefühl, nicht zu Hause zu sein und es andererseits überall ein wenig zu sein... Diese Verständnislosigkeit, die diese Stadt Begriffen wie Verwurzelung oder Zugehörigkeit entgegensetzt.“ In dieser Vorstadt im Süden von Paris stehen die Autos rechtwinklig am Bordstein, da kennt man die Klatschgeschichten der Nachbarn, da dekorieren Klaviere Reihenhauswohnzimmer. Und da herrscht Langeweile. Es ist die Jugend, die Adam in diese seelenlosen Orte setzt und beschreibt. Sobald die Kinder alt genug sind, das Elternhaus zu verlassen, wissen sie meist genau, wo es für sie hingehen soll. Nur Lili ist da eine Ausnahme: nach der Schule verliert sie sich in Ziellosigkeit.
„Lili hat nie wirklich gedacht, dass man aus seinem Leben etwas machen kann. Loic dagegen weiß was er will, er wird es auch für sie wissen.“ Mit Loic hatte Lili eine Art Lebensführer gefunden, durch ihn war vorgegeben, wie es ihr ging und was ihr Leben in Bewegung hielt. Lili bestimmte ihr Leben nicht selbst, sie ließ sich treiben und ließ ihr Leben, oder viel mehr, ihre Existenz, sich selbst bestimmen. Loic war der Halt der stillen jungen Frau, und das, obwohl er „nur“ ihr Bruder war, dazu auch noch der jüngere, wohlgemerkt. Zwei Jahre trennten die beiden – und trotzdem war es Lili, die vom Freundeskreis des Bruders auf- und mitgenommen wurde, und nicht, wie üblicher, der Ältere, der das jüngere Geschwisterkind mitschleift und leitet.
Mit seinem Verschwinden schwindet ihre Lust am Leben
Doch plötzlich ist Loic weg, einfach verschwunden und keiner weiß, warum und wohin. Als einziges Lebenszeichen schickt er monatlich Postkarten nach Hause. Über zwei Jahren hinweg die immer gleichen Worte - adressiert an die große Schwester, die ab jetzt nichts Großes mehr mit sich vorhat: Mit Loics Verschwinden verschwindet ihre Lust am Leben.
Nach der Schule zieht sie nach Paris und arbeitet in einem Supermarkt hinter der Kasse, die einzige Abwechslung am Tag bieten das Zählen der verschiedenen Artikel, die über ihr Band laufen – und die seltenen Abende, die sie mit ihren Kolleginnen verbringt. Kolleginnen, die nicht wie Lili Vollzeit arbeiten, sondern sich das Freizeitbudget ihres Studentinnendaseins aufbessern wollen. Und die so ganz andere Themen haben als Lili: die sich gerne unterhalten, über Filme sprechen, Theater, Musik, Politik, und die sich darüber austauschen und nicht nur den Input Input sein lassen wollen. Oft bleiben Lili zur Abkehr vom Alltag nur nächtliche Partys und Männergeschichten, die sie nicht glücklicher, sondern leerer machen, von denen nichts bleibt, außer ein fader Nachgeschmack. Es sind vergebliche Versuche, „brauchbare“ Erinnerungen herzustellen.
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Copyright © Lisa-Maria Seydlitz – Mar 15, 2008






![Olivier Adam: Keine Sorge, mir geht’s gut. [Copyright (c) SchirmerGraf Verlag]](seydlitz-adam-keine-sorge-cover.jpg)

