Die Blaue Blume des Bösen
In seiner Philip-K.-Dick-Verfilmung „A Scanner Darkly“ pervertiert Richard Linklater romantische Motive
Stichwort Identitätsverlust: In der Selbstbetrachtung der Romantiker schienen die Grenzen zwischen Klein- und Groß-Ich (also Gott) ständig weiter zu verschwimmen. Für diese metaphysische Bewegung fand Novalis den passenden symbolischen Weggefährten: Die Blaue Blume. Knapp 200 Jahre später verspricht das Symbol des ewig Unerreichbaren jedoch vor allem „Trostlosigkeit, Isolation und Tod ohne Hoffnung auf Erlösung“. So zumindest im neuen Science-Fiction-Film von Robert Linklater: „A Scanner Darkly“.
Auf Droge in gemalten Bildern
„Seven years from now“. Ein autoritärer (us-amerikanischer) Staat hat die Überwachung seiner Bürger perfektioniert. Nur mit einem Problem wird er nicht fertig: 20 Prozent der Bevölkerung sind drogenabhängig, darunter auch viele Undercover-Agenten, die Dealer eigentlich ausfindig machen sollten. Zum Beispiel Bob Actor (Keanu Reaves) alias Fred. Ein klassischer Fall von Doppelleben und im Grunde nicht weiter dramatisch. Doch eines Tages erhält Fred den Auftrag, Bob Actor zu beschatten, also sich selbst bzw. sein Undercover-Alter-Ego. In dieser bizarren Situation entgleitet dem vom exzessiven Drogenkonsum Gezeichneten die Realität. Wirklichkeit und Halluzination vermischen sich und lösen so jeden Hauch von Gewissheit auf. Und wie der Film allmählich enthüllt, sind die Identitäten der Anderen und die Fronten im Drogenkrieg tatsächlich nicht so eindeutig, wie sie zunächst scheinen.
Das Besondere an „A Scanner Darkly“ ist jedoch nicht die Geschichte eines sich verirrenden Geheimagenten, sondern vielmehr ihre Umsetzung. Linklater filmte seine Schauspieler in realen Spielszenen, bearbeitete das Material mit dem Verfahren der Rotoskopie - im Prinzip eine aufwendige Variante des bekannten „Durchpausens“ - und verwandelte es so in Abfolgen gemalter Bilder. Diesen Stil erprobte er bereits in „Waking Life“ (2001), hier bringt er ihn zur Vollendung: Personen und Objekte scheinen durch diese Welt zu treiben wie auf einer unruhigen Wasseroberfläche. Eines der visuellen Bravourstücke ist dabei der „Jedermanns-Anzug“, den Arctor bei seinen Besuchen in der Behörde trägt, um seine Anonymität zu wahren: eine Art Ganzkörper-Tarnkappe, die innerhalb von Sekundenbruchteilen physiognomische und modische Fragmente in stetem Wechsel miteinander kombiniert. So verhält sich der graphisch überformte Realismus des Films kongenial zur labilen und paranoiden Wahrnehmung seines Protagonisten.
Aus Sehnsucht wird Sucht
Obwohl das Drehbuch manchmal etwas geschwätzig ist, transportiert der Film eine beklemmende Vision. Linklater zeichnet in der negativen Utopie eine negative Romantik: Heimlicher Gott in der zukünftigen Gesellschaft ist die Droge „Substanz D“ (in der deutschen Synchronisation „T“). Deren Grundstoff ist eine kleine, harmlos aussehende Blume von zartem Blau: Das zentrale Symbol der Romantik, seit Novalis ein Bild für die ferne Heimat der Seele, für den Einklang mit der Welt und für höhere Erkenntnis, ist in „A Scanner Darkly“ zum Dämon geworden, der seine Opfer zerfrisst, verblödet und dissoziiert. Wie Arctor schon zu Beginn des Films sagt, steht die Droge für „Trostlosigkeit, Dumpfheit, Einsamkeit, Isolation, Misstrauen und letztlich für den Tod“.
Die Blaue Blume selbst, in der romantischen Tradition in einer wie auch immer gearteten Transzendenz beheimatet – in der Schlussszene sehen wir sie profan auf weiten Feldern sprießen: Ein Rohstoff, mit dem viel Geld zu verdienen ist. Es folgt die aus dem Roman übernommene Widmung Philip K. Dicks: Eine schier endlose Liste von Freunden und Bekannten des Autors, tote, hirngeschädigte und dauerpsychotische Opfer ihrer eigenen, von Drogen vergifteten Träume.
„A Scanner Darkly“ ist in Deutschland nur auf DVD erhältlich.
Copyright © Patrick Seyboth – Dec 7, 2007






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