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Lisa Rewald

So fühlt sich Romantik an

Judith Hermann bringt uns in „Nichts als Gespenster“ Werther & Co. ein Stückchen näher


Jonina ist mit Magnus zusammen. Er ist introvertiert und unspontan. Dann verliebt sie sich in Jonas. Der trägt seine Lederjacke immer offen, lacht laut und hemmungslos und sagt „abgefahrn“, wenn ihm etwas gefällt – passt ja auch viel besser: Jonina und Jonas. Das ist doch kaum auszuhalten! Platt und billig! Kitschig und Schnulzig! Nur der anspruchsloseste Leser könnte so etwas „romantisch“ nennen.

Dennoch feiert Judith Hermann mit ihrem Werk „Nichts als Gespenster“ ein weiteres Mal beeindruckende Erfolge. Platz 1 der Spiegelbestsellerliste, selbst Marcel Reich-Ranicki outet sich als begeisterter Fan der Autorin.

Das Geheimnis: Judith Hermanns Kurzgeschichten sind wirklich romantisch. Sie gehören zur Romantik ganz im Sinne ihrer Erfinder von 1800. Was ist das genau, was Goethe, Brentano und E.T.A. Hoffmann damals erfunden haben? Und was haben wir jetzt noch mit den Menschen gemeinsam, die vor 200 Jahren gelebt haben? Die Gefühle!

Die Gefühle!

Einsamkeit und Sehnsucht gehören zum Beispiel dazu. Das fühlt auch die Freundin, die sich seit Jahren zu Ruth hingezogen fühlt. Sie hat immer wieder den Drang allein zu verreisen – um allein zu sein, und um etwas Neues zu suchen. Beinahe so wie ein Taugenichts, den das Fernweh packt und der sich wünscht, sich in der Ferne treiben zu lassen. Wie es sich wohl anfühlt in Karlsbad oder Prag ungebunden und frei zu sein? Die Sehnsucht, die beim Klang eines Glockenschlages oder bei der Betrachtung eines alten Urlaubsfotos wieder aufsteigt. Jonina erinnert sich so an eine unerfüllte Liebe. Sie lebt auf Island und spürt mit einem Mal, wie sie in der kalten Landschaft alles noch intensiver spürt. Fremdheit, die geheimnisvoll und mystisch ist. Wie die Geisterjägerin, die Ellen auf einer Reise durch Nevada begegnet. Diese Traurigkeit, die immer bleibt, wenn die Verhältnisse ungeklärt bleiben. So wie bei Johannes und seiner besten Freundin, die sich jeweils zum falschen Zeitpunkt ineinander verlieben.

Du bist Julius.

Was ein Romantiker wie Julius in Friedrich Schlegels Roman „Lucinde“ gefühlt hat, können wir nachlesen. Aber wer ihm nachempfinden will, muss sich in eine Zeit versetzen, die unendlich weit weg erscheint. Verpasste Gelegenheiten, die Sehnsucht nach Zuneigung, enttäuschte Liebe und unerfüllte Träume: Judith Hermann überträgt diese romantischen Elemente auf die Gegenwart. Denn solche Geschichten passieren uns allen – so oder so ähnlich, und darum fällt es nicht mehr schwer, sich darauf einzulassen. Sie erzeugen ein träumerisch-schön-trauriges Lebensgefühl. Dass Menschen ein Bedürfnis danach haben, wussten Dichter schon vor zwei Jahrhunderten. Das Gute an „Nichts als Gespenster“: Niemand braucht heute mehr zu leugnen, diese scheinbar kitschige Lektüre zu mögen. Wem diese Prosa gefällt, dem gefällt anspruchsvollste Romantik.

Judith Hermann: Nichts als Gespenster. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2004. 322 Seiten, Paperback. 8,90 Euro.


Copyright © Lisa Rewald – Dec 7, 2007

Judith Hermann: Nichts als Gespenster. [Copyright (c) Fischer Verlag]
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März-Ausgabe