Die großen Ränder an meiner Zukunft Hut
Von Bredow nach Mexiko: Mit „Ach Glück“ setzt Monika Maron ihren klugen Selbstfindungsroman „Endmoränen“ fort
Männer werden im Alter immer größer, exzentrischer und raumgreifender. Frauen nicht. Frauen verschwinden. So sind beim Film wahrscheinlich mehr Rollen für Außerirdische zu besetzen als für Frauen jenseits der Menopause. Die Kosmetikindustrie, der Selbsthilfekosmos - wie sich weibliche Identität und – ja! – Sexualität mit über 50 neu austarieren, diese Geschichte spielt sich vor allem in festen Nischen ab.
Umso schöner, dass es trotzdem eine starke Traditionslinie weiblicher intellektueller Selbstverortungsliteratur gibt. Literatur, die nicht von älteren Frauen für andere ältere Frauen geschrieben wurde und voller Selbstmitleid ins eigene Süppchen sabbelt, sondern die – ehrlich, verletzlich, lebensklug und wunderbar physisch – Identität und gesellschaftliche Position im Älterwerden reflektiert. Sartre schrieb luftig-pompöse Essays und schraubte damit fleißig an der eigenen Legende. Simone de Beauvoir erzählte lieber, wie es sich anfühlt, morgens nervös um Nelson Algrens Wohnung zu schleichen, mit Mitte 40 ein zweites sexuelles Erwachen zu erleben, oder, ganz banal, vom Fahrrad zu stürzen und sich einen Zahn abzubrechen, dessen Splitter Monate später – ins Zahnfleisch eingewachsen – aus der Mundhöhle wieder austreten. Hypochonderliteratur? Altersexhibitionsmus? Nein: Ehrliche, unerhörte Blicke auf den eigenen Körper, auf Lust, Angst und Verfall.
Eine Frau fährt aufs Land und wieder zurück
Heute veröffentlicht eine ganze Reihe älterer Autorinnen sehr private Bücher, in denen sie sich und ihre soziale Rolle neu verorten: Joan Didion in „Das Jahr des magischen Denkens“, Isabel Allende in „Mein erfundenes Land“, hierzulande vor allem die Deutschjüdin Barbara Honigmann mit ihren fragilen, autobiografischen Texten. Auch Monika Maron, geboren 1941, hat bereits mehrere Bücher dieser Gattung geschrieben. 1997 das rotztraurige, supergute Alte-Leute-Kammerspiel „Animal triste“. 1999 den Generationenroman „Pawels Briefe“, in dem sie die Geschichte ihrer eigenen Familie literarisch rekonstruiert. Kombiniert wurden diese beiden Spannungsfelder – Autobiografie und Altern – schließlich 2002, in Marons kurzem Roman „Endmoränen“:
„Wahrscheinlich, liebe Johanna, ist es nur das, was uns so verdrießlich stimmt: Wir können nichts mehr entscheiden. Alle wichtigen Kontakte unseres Lebens haben wir vor langer Zeit geschlossen, auch die falschen, in deren Schlingen wir gefangen bleiben bis zum Ende, wenigstens aber bis zur Rente. Die Berufe, die Anzahl der Kinder, der Wohnort, alles ist endgültig. Die einzige Entscheidung, die uns noch freisteht, ist die Ehescheidung als letzte mögliche Veränderung. Ich vermute, dass nur darum, weil nichts mehr geht, so viele Menschen über fünfzig einander verlassen.“
Copyright © Stefan Mesch – Feb 15, 2008






![Monika Maron „Ach Glück“ [Copyright (c) Fischer Verlag]](mesch-maron-ach-glueck-cover.jpg)

