thema:romantik

Stefan Mesch

Zehn Stunden mieser Sex

Hängebrüste, Lebenslügen: Die HBO-Serie „Tell Me You Love Me“ zeigt Liebe, wie keiner sie sehen mag


Köchin Jamie und Lehrer Hugo, beide Ende 20. Anwältin Caroline und Architekt Palek, beide Anfang 30. Grafikerin Katie und Makler David, beide über 40. Drei Paare in Therapie: Jamie hat Probleme mit Eifersucht und Hugo will sie heiraten. Palek hat Probleme mit Kontrolle und Caroline sagt, er muss ihr jetzt endlich ein Kind machen. Bei Katie und David ist alles harmonisch. Nur Sex gibt es nicht mehr. Der verschwand einfach, irgendwann. „Tell Me You Love Me“ lief letzten Herbst zehn Episoden lang auf dem US-„Qualitätssender” HBO. Die Serie zeigt gewöhnliche Leute. Mit – sehr schön! – gewöhnlichen Körpern. Und „Tell Me You Love Me“ stellt diese Körper aus. Minutenlang. In endlosen Einstellungen. Hugos Hoden, die sich gequält unter Jamies Arschbacken herumdrücken. Carolines Schamlippen, wenn Palek umständlich an ihrem Slip nestelt. Und die großen, schlaffen Brüste von Therapeutin May, im Wohnzimmer, vor dem Kamin: Der greise Ehemann im Ohrensessel. Sie reitet ihn. Er drückt den Kopf an ihren Busen. Die Tonspur schmatzt. Beide sind jenseits der 60.

Zeit lassen bis zur Schmerzgrenze

Das Internet hasst „Tell Me You Love Me“: “Die lächerlichste Serie der Saison”, “komplett übertriebene Sex-Opera”, „langweilig und irgendwie ekelhaft: kaum auszuhalten!“. Ein Userkommentar auf IMDb.com bringt die Ratlosigkeit vieler Zuschauer auf den Punkt: „Leute, die Softpornos wollen (sprich: Männer), werden durch das Streiten gestört, besonders, wenn die Paare eigentlich gerade kurz davor waren, Sex zu haben. Leute, die Beziehungsdramen wollen (sprich: Frauen), werden von überdeutlichen Bildern irritiert.“ Zielgruppe? „Leute, die alten Leuten beim Sex zuschauen wollen (sprich: keiner!), werden einige Sequenzen lieben!“

“Tell Me You Love Me” sollte eigentlich „SexLife“ heißen. Dabei zeigt die Serie kaum skandalträchtigere Bilder als ein beliebiger 70er-Jahre-Film aus Frankreich oder irgendein dänisches Dogma-Gewackel. Amerika im Herbst, mittel-attraktive Paare, alle gefrustet, alle durcheinander, und selten Popsongs, die das Geschmatze und Gequietsche übertönen. Man lässt sich Zeit mit diesen Leuten. „Tell Me You Love Me“ ist undramatisch bis zur Schmerzgrenze. Die Kamera klebt nah an den Körpern, gesprochen wird wenig und langsam, Humor gibt es keinen. Als ich in Episode 8 den Leberfleck an Tim DeKayes Hals sah, war das ein großer Schreck: Unglaublich, diesen Fleck noch nicht bemerkt zu haben, all diese langen, langen Nahaufnahmen lang.

  » weiter …


Copyright © Stefan Mesch – Mar 15, 2008

Tell Me You Love Me. [Copyright (c) HBO]
Link HBO
März-Ausgabe