thema:romantik

Joëlle Jobin

Gefühltes in Worten nachprüfen

Michael Lentz’ Versuch, Liebe zu erklären


„Das ist unsere Geschichte“, so der erste Satz in Michael Lentz’ Roman „Liebeserklärung“. Der Ich-Erzähler befindet sich auf dem Weg zu A., die Frau, für die er eine Andere, Z., zurücklässt. Weniger geht es um die beiden Pole, vielmehr um das Dazwischen, um einen Erzähler, der dem inneren Kompass der Erinnerung folgend, sich selbst Ende und Anfang erklärt. Im ICE durchquert er Deutschland und veranstaltet großes Nachdenken: Er zweifelt, er erkennt, er vergleicht: „Im Auslandsein haust von Anfang an der Abschied“. Sein Blick fällt durch das Zugfenster in die trübe Landschaft, auf starre Bäume und leere Bahnhöfe: „Ich flimmer“, stellt er fest. Das Neue, das auf ihn zukommt, ist „ein baldiges, fremdes Zusammenleben, das unsere Geschichte ist.“

Das Vergangene „Wir“ war eine Ehe, war Z., die zurückgelassen wird, und doch nicht verschwindet. „Ein jahrelanger Ehezustand der absoluten Ficklosigkeit,“ ist Ergebnis subtiler Entfremdungen. A. will ein neuer Anfang sein, erneuter Versuch einer Verständigung. Der Erzähler pendelt in aufwändigen Wortgefügen hin und her, scheint nicht loszukommen von Vergangenem und kurz vor dem Anfang zu verharren. In seinem permanenten Erinnern verursacht er eine Gleichzeitigkeit der Geschichten um A. und Z., so schliesst diese „unsere Geschichte“ unausweichlich Z. mit ein. Als Leser besteht leicht die Gefahr, die Übersicht im dichten Wortteppich zu verlieren, doch mit der Zeit wird im Geflecht von Empfindungen die Spur des Erzählers immer deutlicher erkennbar. Die Wiederholungen in seinen Gedanken spannen ein Netz, und die Geschichte mit A., die eigentlich beginnen soll, muss immer wieder Erinnerungen an das Ende mit Z. weichen. Das Denken an die Zurückgelassene ist zudem Anlass, Blicke in die Vergangenheit zu werfen, die tiefer als in die sieben Jahre Ehe, bis in die Kindheit reichen. Denn dort finden sich Ursachen dafür, dass im Haus des Erzählers die Liebe ein unbewohntes Zimmer bleibt. „Dieses Zimmer ist einfach immer leer geblieben“, stellt er fest.

Doch Lentz, wie man ihn aus früheren Erzählungen kennt, belässt es nie bei schlichten Feststellungen. Eher begibt er sich in detaillierte Betrachtungen: „Zuneigung“ nennt er das verlorene, lange gesuchte Wort. „Ich neige dir zu könnte auch ein Schiefstand sein“. Solche Sprachversuche, in denen eigentlich Vertrautes eine neue Bedeutung erhält, finden sich oft. Diese Wortgenauigkeit ist es auch, die den Roman aus dem Kontext des schlichten Settings herauslöst und damit zu einer „Erklärung“ macht, die weit über eine „Liebeserklärung“ hinausweist. Eine Erklärung ohne Adressaten, die im Wesentlichen dem Erzähler selbst gilt. Aus dem komplexen Modell dieser Geschichte um zwei Frauen und ihn selbst lassen sich immer wieder kleine Teilchen herauslösen und nachprüfen. So folgt man einer Fährte durchs Beziehungsdickicht und trifft an unvermittelten Stellen auf bekannte Dinge, die in aufweckender Deutlichkeit formuliert sind. Der Leser ahnt zwar: im neuen Anfang haust das Ende. Doch was könnte man sich mehr wünschen als eine solide Liebeserklärung.

Michael Lentz: Liebeserklärung. S. Fischer, Frankfurt am Main, 2003. 189 Seiten, Paperback, 8,90 Euro.


Copyright © Joëlle Jobin – Feb 15, 2008

Michael Lentz: „Liebeserklärung“ [Copyright (c) Fischer Verlag]
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März-Ausgabe