Endstation Romantik
Aus dem Leben eines Aufreißers
Es ist Montag Vormittag und ich sitze im Bus, ein aufgeschlagenes Buch auf die Knie gepresst, um den Titel zu verbergen. Dieser lautet: „Die perfekte Masche - Bekenntnisse eines Aufreißers“. Es wurde von einem schlaksigen kleinen Mann mit Haarausfall und Brille geschrieben. Mir drängt sich die Frage auf, warum ich so etwas überhaupt lese, wo ich mich doch mit dem Thema Romantik befassen wollte und nicht mit dem Selbsthilfe-Ratgeber im Wandel der Zeiten.
Die Antwort darauf finde ich bereits auf den ersten Seiten. Denn Neil Strauss, dessen Autobiographie ich da gerade so verschämt an mich drücke, hat sich genau diese Frage auch gestellt, als er zum ersten Mal mit dem Thema konfrontiert wurde. Seine Antwort lautet: „Gewöhnlich befasse ich mich mit Literatur, nicht mit Ratschlägen für notgeile Erwachsene, aber es kann ja nicht schaden mal einen Blick auf das Ganze zu werfen.“
Also beginne ich weiter zu lesen, über den schüchternen verklemmten Neil, der als Kulturjournalist für die New York Times arbeitet. Guter Job, Gutes Leben! Nur mit den Frauen will es nicht so recht klappen. Doch der Wendepunkt kommt eines Tages, als er den Auftrag erhält, Recherchen über eine Internet Community anzustellen, in der angeblich die größten Aufreißer aller Zeiten ihre Tipps und Tricks tauschen. Vorerst noch skeptisch, wagt er sich in das unbekannte Territorium vor. Eine gesamte Subkultur, die sich nur der Aufgabe verschrieben hat die perfekte Strategie zu entwickeln um Frauen herumzubekommen. Ich gestehe mir widerwillig ein, dass die Geschichte mich zu interessieren beginnt. Als ich das Buch schließen will, um auszusteigen, habe ich meine Haltestelle verpasst.
Na dann kann ich ja weiterlesen. Unter dem Vorwand, es sei für seine Recherche, besucht Neil ein Seminar, bei dem er eine Einführung in das Becircen der Damenwelt erhalten soll. Schnell stellt Strauss fest, dass er durchaus das Zeug zum perfekten Casanova hat, sobald seine Selbstzweifel und seine Schüchternheit überwunden sind. Nach und nach geht er bei allen in die Lehre, die eine neue Methode zur Überwindung der Kluft zwischen Mann und Frau gefunden haben. Letztendlich steigt Neil sogar selber zu einem Guru der Szene auf und gibt sich, wie es üblich ist, einen Spitznamen: „Style“. Er bringt die Girls gleich reihenweise zur Strecke. War wohl doch nichts mit Romantik, denke ich mir und sehe mich im Bus um, ob sich denn wenigstens ein Opfer für mein neu erworbenes Aufreißerwissen findet. Als ich jedoch versuche die Tricks zu rekapitulieren, stelle ich fest, dass sie zwar erwähnt werden, aber nie genau beschrieben. Also Pustekuchen mit Selbsthilfe-Ratgeber.
Etwas frustriert, aber immer noch neugierig, setzte ich die Lektüre fort. Nachdem er den Olymp erklommen hat und zu „Style“ geworden ist, schließt Neil sich mit anderen seines Schlages zusammen und gründet eine Schule für Aufreißer, in der jeder lernen kann wie man ein Mädchen ins Bett kriegt. Scheinbar auf dem Höhepunkt seiner Karriere als Neuzeit-Cassanova, stellt er jedoch fest, dass nicht alles eitel Sonnenschein ist in der Welt der Mega-Playboys. Langsam lehne ich mich aus meiner vorgebeugten über die Seiten geduckten Position zurück und nehme das Buch von meinen Knien. Sollte die Wendung zum Romantischen etwa doch noch kommen?
Angeregt blättere ich auf die nächste Seite, um zu erfahren, ob Strauss doch noch die moralische Kurve kriegt. Die Meisten seiner Aufreißer-Kollegen sind soziale Wracks, und auch er selbst findet in den endlosen One Night Stands keine Erfüllung. Zu einer dauerhaften Beziehung sind sie scheinbar alle unfähig geworden, da sie im Werben um Zuneigung nur noch einen Konkurrenzkampf sehen. Gefühle sind dabei völlig bedeutungslos. Immer wieder versucht Strauss, aus der Gemeinde auszubrechen, ist jedoch inzwischen durch Freundschaft und Verpflichtungen an die Community gebunden. Als er schließlich eine Frau kennen lernt, die seit langem wieder aufrichtige Gefühle in ihm weckt, stellt er fest, dass er sie mit all seinen Tricks und Kniffen nicht rumkriegen kann. Letztendlich muss er doch wieder er selbst sein und versuchen, mit Ehrlichkeit und nicht mit Illusionen ihr Herz zu erobern. Die letzten Seiten streichen an meinen Fingern vorüber, und ich denke mir, dass die Geschichte auf skurrile Weise durchaus romantisch ist. Denn am Ende habe ich keine Gebrauchsanweisung für dem Umgang mit Frauen gelesen, sondern die Geschichte eines Mannes, der versuchte, eine zu finden.
Ich steige an der Endstation aus. Vielleicht ist es ein Zeichen unserer Zeit, dass man einen hoffnungslos romantischen Grundgedanken in einer skurrilen und etwas schlüpfrigen Geschichte verstecken muss, um nicht für kitschig gehalten zu werden.
Neil Strauss: Die perfekte Masche. Bekenntnisse eines Aufreißers. List 2006. 432 Seiten, Hardcover. 19,95 Euro.
Copyright © Alexander Henze – Mar 15, 2008






![Neil Strauss: Die perfekte Masche. [Copyright (c) 2007 Ullstein Taschenbuchverlag]](henze-strauss-masche-cover.jpg)

