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Carola Gruber

Liebe lieber überzeichnet

Irene Dische stellt eine altbekannte Frage – und gibt 12 traurige und 12 glückliche Antworten


Es gibt ein Lebensalter, irgendwann zwischen elf und siebzehn, da bedeutet „Romantik“ vor allem: Videoabende zu zweit, Kuscheln, Reden. Und in diesem Lebensalter (bei vielen hört es zum Glück irgendwann auf) ist „Romantik“ etwas Unerreichbares. Zum Beispiel für Robert: „Von Flirten verstand er nichts und war in diesem Augenblick an Romantik sowieso nicht interessiert“. Diese Art von „Romantik“ hat Irene Dische zum Thema ihres neuen Erzählungsbands gemacht. Es geht um „Lieben“, nicht das Verb ist gemeint sondern die Mehrzahl: Im Original heißt der Erzählband „Loves“.

In 25 kurzen Erzählungen -und einem szenischen „Intermezzo“- erzählt Dische von der Liebe in verschiedensten Konstellationen: hier die traurige Geschichte der nach 20 Jahren verbrauchten, quälenden Ehe zwischen Simone und Raik im Moment des Beischlafs; dort die glückende Eherettung durch die Verwandlung des selbstgefälligen, schmarotzenden Seozeres in den arbeitsamen Jalal; hier die unschuldige, fleißige Inderin, die sich in New York in einen Sikh verliebt und von den eigenen Brüdern gewaltsam zurück ins Heimatland befördert wird; dort der kurdische Junge Memo, der nach einer Prügelei von den US-College geworfen wird und dessen traurige Vorgeschichte erzählt wird.

Nicht bei allen Geschichten ist sofort klar, inwiefern es (überhaupt) um Liebe geht oder um welche Art von Liebe es sich handelt: Mutterliebe, eheliche Liebe, Selbstliebe, Tierliebe, Verliebtsein, Liebe zu Musik, Verehrung von Schönheit, Vaterlandsliebe... Die „Lieben“ sind vielfältig, und mehr als einmal kommt die Frage auf, ob es sich tatsächlich um Liebe handelt oder nicht eher: Ist es Eitelkeit, Hass, Egoismus, übersteigertes Ehrgefühl oder vielleicht Dummheit? Wenn ein kleiner Junge aus Liebe zu seinem Kaninchen seinen Arm opfern will; wenn eine Mutter sich an die Stelle ihres hoch verschuldeten Sohnes begibt und sich stattseiner foltern lässt: Ist das Liebe?

Die Frage ist weder neu noch definitiv zu beantworten. Doch stellt das Buch sie in 26 Varianten neu – in zwölf „traurigen“ und zwölf „glücklichen Enden“. Die simple, naive Unterteilung bietet auf den ersten Blick Klarheit, doch mit fortschreitender Lektüre verschwimmt die Grenze zwischen gutem und schlechtem Ausgang, denn auch in den Geschichten mit angekündigt gutem Ende geschehen Katastrophen.

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Copyright © Carola Gruber – Mar 15, 2008

Irene Dische: Lieben / Loves. [Copyright (c) Hoffmann & Campe]
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März-Ausgabe