Ersatzteillagerliebe
Kazuo Ishiguro überrascht mit einer Utopie der etwas anderen Art
Ein Staat, der von Philosophen geführt wird, die ferne Insel „Utopia“, das Jahr „1987“ oder die „schöne neue Welt“ sind Worte, die für Gegenentwürfe stehen. Mit seinem neuen Roman „Alles, was wir geben mussten“ erweitert Kazuo Ishiguro diese Liste.
Doch im Gegensatz zu all den pompösen, lauten Utopien, die sich auf dem Buchmarkt tummeln, bleibt Ishiguros Werk leise und genau das macht es zu etwas Besonderem. Was geschieht also in Ishiguros Geschichte?
Zunächst nichts Außergewöhnliches. Der Schauplatz der Handlung ist Hailsham, ein abgeschiedenes Internat, das auf den ersten Blick ein wenig elitär wirkt. Erst auf den zweiten, Blick enthüllt sich das wirkliche Erziehungsziel: Die Schüler werden hier auf ihre Funktion als menschliche Ersatzteillager vorbereitet. Sie existieren einzig zu dem Zweck, nach und nach ihre Organe zu „spenden“.
Der Leser begleitet drei der Spender entlang ihres vorgezeichneten Lebensweges. Und genau hier gelingt es Ishiguro, aus dem Einfachen das Besondere zu entwickeln. Denn seine Figuren weigern sich standhaft, dem erwartungsgemäßen Verhalten eines utopischen Romanhelden zu entsprechen, sie rebellieren nicht, sie kritisieren nicht, sie begehren nicht auf.
Stattdessen bleiben sie still und genügsam, so wie es ihnen vorgegeben ist und führen ein erschreckend normales Leben. Ruth und Cathy sind seit ihrer Kindheit gute Freundinnen. Sie teilen ihre größten Geheimnisse, sie streiten und vertragen sich, erfinden haarsträubende Geschichten und lassen sich bei all dem nicht davon stören, dass sie in einigen Jahren wortwörtlich ihr Herz verlieren werden. Später kommt Tommy hinzu, der in der Schule gemobbt wird, weil er so jähzornig ist. Er und Ruth werden ein Paar, obwohl Cathy in ihn verliebt ist. Die Freundschaft der drei droht zu zerbrechen bis Ruth – der zu diesem Zeitpunkt schon einige Organe fehlen – schließlich für Cathy das Feld räumt.
Die Handlung plätschert nur so dahin, die Ereignisse wirken banal vor dem drastischen Hintergrund. Auf der Folie eines „Hanni und Nanni“- Internatsromans erschafft Ishiguro ganze Gefühlswelten mit dem, was er nicht sagt. Die Fügsamkeit der Charaktere zwingt den Leser, all das zu spüren, was die drei Jugendlichen nicht spüren können.
Ruth und Tommy sterben Stück für Stück in so genannten „Zentren“, das sind medizinische Einrichtungen in denen die Organentnahme stattfindet. Cathy arbeitet als Betreuerin und begleitet ihre Freundin und ihren Partner bis zum Schluss. Am Ende der Geschichte erhält auch sie ihren Auftrag für die Organentnahme. Als Leser möchte man die drei anschreien, sie an ihre Menschenwürde erinnern, sie dazu zwingen, sich diesem perfiden System zu entziehen und endlich davon abzusehen, wie die Lemminge in den Tod zu gehen.
Und damit provoziert jede Seite dieses Romans mehr kritisches Bewusstsein, als Huxleys gesamte „schöne neue Welt“. Am Ende schließt sich die Tür zu Ishiguros erschreckender Vision, die Frage, ob wir uns bald an fühlenden Ersatzteillagern bedienen können bleibt offen.
„Alles was wir geben mussten“ ist eine gelungene literarische Stellungnahme zur gegenwärtigen Diskussion um Fortschritt und Ethik. Endlich mal wieder ein Roman zum mitdenken.
Kazuo Ishiguro: Alles, was wir geben mussten. Btb-Verlag, München 2006. 348 Seiten, Paperback, 9,00 Euro
Copyright © Carina Garber – Feb 15, 2008






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