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Anna-Lena Bruns

Extrem bunt und unglaublich warm

Jonathan Safran Foer betreibt zuckersüße Vergangenheitsbewältigung


Eine Boing 747.
Ein Wahrzeichen Amerikas.
Eine Katastrophe.

Immer noch gibt es viel zu sagen, nach dem Anschlag auf das World-Trade Center im September 2001, immer noch wird analysiert, berichtet, erklärt und interpretiert. In seinem jüngsten Roman „Extrem laut und unglaublich nah“ zeigt Jonathan Safran Foer seinen eigenen Weg, den zerbrochenen amerikanischen Traum aufzuarbeiten: auf den Spuren von Oskar.

Odysee zum Schlüsselloch

Oskar Schell ist neun. Er ist selbsternannter Erfinder, Frankophiler, Amateur-Entomologe, Sammler von Schmetterlingen (die eines natürlichen Todes gestorben sind), Origamist und trägt ausschließlich weiße Garderobe. Und Oskar ist zutiefst verstört: Sein Vater starb bei den Anschlägen von 9/11.
Um den Bann der Traurigkeit zu brechen und seinem Vater noch einmal nahe zu sein, begibt Oskar sich auf eine exorbitante Ermittlung. Trotz seiner Panik vor Menschen mit Turban, verlassenen Gepäckstücken, Höhe und öffentlichen Verkehrsmitteln stellt er seine Stadt auf den Kopf: In einer chaotischen Odyssee durch NYC sucht er das passende Schloss für einen Schlüssel, den er im väterlichen Zimmer gefunden hat.
Und wie durch ein Schlüsselloch beobachtet der Leser Oskars Versuche, Antworten zu finden, Ideen zu spinnen und Menschen kennenzulernen. Er erfindet ein Vogelfutterhemd, das Menschen vor dem freien Fall retten soll, knüpft Kontakt zu einer Lady, die seit Jahren auf dem Dach des Chrysler-Buildings lebt, und kommuniziert über Walkie-Talkie mit seiner Großmutter („Ich kann nur hoffen, dass du niemals jemanden mehr liebst, als ich dich liebe, Oskar. Over.“).

Mit allen Registern

Nach seinem Welterfolg „Alles ist erleuchtet“ hat sich eines von Foers weniger subtilen Stilelementen ungünstigerweise verstärkt: Zu bemüht niedlich, zu gewollt schrullig wirken Oskars Attitüden mitunter. Da wäre seine Angewohnheit, hübsche Frauen stantepede zu fragen, ob er sie küssen dürfe, da wären seine Steifzüge durch den Central-Park mit einem Metalldetektor oder die unbeholfen-regelmäßigen Briefe an sein Idol Stephen Hawking.
Hinzu kommt, dass sich der Autor an einer enorm komplexen Plotkonstruktion versucht: Neben dem Terroranschlag wird auch der Dresdner Bombensturm von 1945 und die Atombombe von Hiroshima eingeflochten. Der Leser muss sich außerdem in einem diffizilen Familiengeflecht zurechtfinden - weniger wäre da mehr gewesen.
Nichtsdestotrotz ist und bleibt Foer erzähltechnisch ein Virtuose, dem man derartige Gepflogenheiten beinahe sofort verzeiht. Subtile Hommagen, erfrischende Formulierungen und intensiv geschilderte Situationen trösten über die streckenweise konstruiert wirkende Handlung hinweg.

Das Buch endet mit der Bildfolge eines Menschen, der aus dem brennenden World-Trade-Centers stürzt – allerdings fällt er nicht gen Boden sondern nimmt vielmehr den entgegengesetzten Weg wieder hinauf. Viele Amerikaner empfanden diesen “Gag“ als Zeichen sehr schlechten Geschmacks und stellten sich daraufhin die Frage ob „Extrem laut und unglaublich nah“ nicht eher eine literarisch-pietätlose Spielerei sei. Ist die Zeit nach sechs Jahren überhaupt schon reif für eine literarische Entkrampfung der Katastrophe? Eine Frage, die jeder Leser für sich beantworten muss – Foer hat es zumindest geschafft, einige herrlich tragisch-komische Lesestunden davor zu setzen.

Jonathan Safran Foer: „Extrem laut und unglaublich nah“ Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2007. 437 Seiten, Paperback. 9,95 Euro.


Copyright © Anna-Lena Bruns – Dec 7, 2007

Jonathan Safran Foer: „Extrem laut und unglaublich nah“ [Copyright (c) Fischer Verlag]
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März-Ausgabe