Ironie und ihre Folgen: eine Suada
„Ironie / Versteht der Leser nie“ (Journalist. Grundlagen)
„Die romantische Ironie ist eine ästhetische Theorie, die von den Theoretikern der Romantik entwickelt wurde“, lesen wir auf Quickrecherche im Netz. Und wundern uns! Dass die kreglen Jungjenenser, die sich doch vor allem im Rauchen blauer Primeln, rückwärtigem In-die-Landschaft-Starren und Schillerdissen übten, Zeit fanden dazu... Doch halt: Ist das schon Ironie? Wenn, dann recht laue. Keinesfalls: romantische. Mit Ironie, dem Anderssagen, oder Halt-genau-verkehrtherum-Sagen-als-wie's-gemeint-war, hatten die Romantiker nicht viel am Samthut. Viel eher schon ging es der sächsischen Clique darum, mal wieder die Ästhetik von den Füßen auf den Kopf zu stellen.
Bedingt verständnisbereit
Nachdem Jean Paul die eironeía als „reinen Repräsentanten des lächerlichen Objekts“ undingfest gemacht hatte, geriet sie an Schlegels Friedrich: Aus einer "Geheimsprache des freien Geistes, um die dummen Philister zu täuschen" (H. Bobzin) wird unter seinen Händen flott ein Konstrukt. Schlegel fasst sich kurz und die (nun progressiv romantisierte) Ironie als das „Gefühl von dem unauslöschlichen Widerstreit des Unbedingten und des Bedingten, der Unmöglichkeit und der Notwendigkeit einer vollständigen Mitteilung" in Worte. Ob es unbedingt notwendig ist, diesen unmöglichen Satz gleich zu verstehen? Bedingt. Die Herangehensweise übers Netz ist ein weiteres Mal hilfreich: Anwendung romantischer Ironie bedeute, belehrt man uns dort, "die Produktionsbedingungen von Kunst im Kunstwerk selbst zu reflektieren, das Produzierende mit dem Produkt darzustellen." Das hört sich doch schon besser an. Der Autor als deus, ob aus der Maschine oder dem Poetenkasten, darf also pfuschen, so es ihm beliebt: Besonders Tiecks Gestiefelter Kater wird immer wieder genannt (weil es an zeitgenössischen Beispielen mangelt). Da wir ein Stück im Stück gegeben, in dem sich das Publikum partout kein Kindermärchen (besagten Kater) ansehen will ("Kein Stück – wir wollen kein Stück – wir wollen guten Geschmack"); woraufhin der Dichter sich auf der Bühne und ratlos zeigt („Ich bin in Verlegenheit; was meinen Sie, wenn ich fragen darf?“); schließlich werden Poet und Posse ausgebuht (beim damaligen Publikum fiel das Primärstück gleichfalls durch).
Ihren Niederschlag fanden derlei romantische Verwirr- und Verweisspielchen nebenbei auch in unzähligen Spiegeln, Doppelgängern und Gespenstern; zu nennen nur den Schlemihl, die Elixiere, den Sandmann. Ein Spezialfall romantischer Ironie sind Selbstreferenzen: eine Form der Mise en abyme, bodenloser Bilder also, die sich immer wieder selbst enthalten. Und immer. Und immer. Wie der Mops das Ei. Als setzte man hier einen Link auf diesen Text.
Was lernt uns das? Die romantische Ironie ist eine (Achtung) Metatechnik, die einen Diskurs auf eine (Achtung!) Metaebene hievt, unter Auferbietung aller poetisch-poetologischen Kräfte, die hier nur oberflächlich sinnlos walten. Die Struktur redet über sich selbst. "Ich bin ein Text" sagt sie zum Beispiel. So weit, so gut. Was aber, wenn sie "Ich bin kein Text" sagt? Sich damit selbst eskamotierend – und doch wieder nicht! Dass bei solchen Vexierspielen lügende Kreter und ähnliches Eschergesocks zuhauf aus einem bodenlosen Logik-Chapeauclaque springen, scheint ausgemacht. Wird aber in Kauf genommen. Denn damit nähern wir uns wieder den Romantic Boys: Hatte nicht auch Schlegel vorhin von der "Unmöglichkeit ... einer vollständigen Mitteilung" gesprochen? Aber auch der "Notwendigkeit" derselben? Oxymorontisch aufschlussreich.
Copyright © Lino Wirag – Feb 15, 2008







