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Margret Schütz

Auf frischer Fahrt ins web 2.0

Die neue romantische Bewegung ist eine digitale


Novalis wäre so neidisch. Die Romantiker von heute haben endlich den Zugang zur wundersamen Parallelwelt gefunden. Durch das Spiegelglas des Computerbildschirms steigen sie in das Zauberreich, das web 2.0. Hier werden romantische Werte verwirklicht, von denen man zu Novalis Zeiten nur träumen konnte: Dynamik, Vernetzung, ständige Entwicklung.
Man nennt sie die Digitale Boheme und am letzten Augustwochenende diesen Jahres trafen sie sich in Berlin zur Vollversammlung, dem Festival 9to5 - Wir nennen es Arbeit.

Mit ihrem Buch Wir nennen es Arbeit haben Holm Friebe und Sascha Lobo im letzten Herbst die Digitale Bohème in die Feuilletons gebracht. Sie steht in der Debatte in einer Reihe mit Begriffen wie ‚Generation Praktikum’ oder ‚urbane Penner’ und bezeichnet den fortschrittsgläubigen, optimistischen Teil des Prekariats. Eine Klasse kreativer Freiberufler, denen Spaß und Eigenständigkeit bei der Arbeit wichtiger sind als Festanstellung und ein sicheres Einkommen. Und die es nicht gäbe ohne Computer und Internet. Sie sitzen in Cafés, den Laptop auf den Knien, den Latte in der Hand und nennen es Arbeit. Jetzt gab es drei Tage lang das Festival zum Buch.

Veranstalter war die Zentrale Intelligenzagentur. Neben den beiden Autoren des Buchs gehört auch Kathrin Passig, die Gewinnerin des Bachmannpreises 2006, zu dem erfolgreichen Netzwerk aus Trendforschern und Textern. Nachdem die ZAI schon in der Vorankündigung selbstbewusste Vergleiche mit dem Tunix-Kongress von `78 aufstellte, der als Beginn der sozialen Bewegung der 80er Jahre gilt, waren die rund 700 Eintrittskarten schnell weg.

Das 9to5-Festival bewegte sich zwischen Branchenmesse und Ferienlager. Es ging um Vernetzung, Party und Visionen neuer Arbeitsstrukturen, die durch bessere Lebenszwecke als Geldverdienen und Gehorsam geprägt sind.
Im Radialsystem am Spreeufer in Friedrichshain rauschte man für ein Wochenende wie auf einem Musikdampfer mit Festbeleuchtung durch drei programmreiche Nächte. Unten gab es Workshops und Vorträge, oben auf dem Deck Liegestühle und den Blick in den Sternenhimmel. Als Absage an die Arbeitswelt der Angestelltenkultur und mit dem Augenzwinkern romantischer Antilogik fand das Festival nämlich ‚from 9 to 5’, von neun Uhr abends bis fünf Uhr früh statt. Dass die ungewöhnlichen Aktivzeiten produktiv machen, daran zweifelte keiner. Noch besser, sie erleichtern den Flow, das Nachtfieber, die Offenheit sich einfach volllaufen zu lassen mit den Informationen aus den unzähligen Diskussionen und Vorträgen zu Themen wie: „Gibt es einen linken Neoliberalismus?“, „Copyright-Konflikte“ oder „Wie ich die Dinge geregelt kriege ohne einen Funken Selbstdisziplin“.
Danach gab es DJs und Bands, denn eine Portion Hedonismus gehört quasi zum Programm der sich selbst verwirklichenden Gegenökonomie. Wer wollte, konnte im 5ten Stock übernachten. Schlafsäcke und Isomatten waren selbst mit zu bringen.

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Copyright © Margret Schütz – Jan 1, 2008

9to5-Impressionen [Copyright (c) Foto.SebastianSchleicher.de]
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