Romantik heute
Eine kurze Bestandsaufnahme in losen Notizen
Kitzbühler Iglu-Romantik
„Romantik Iglu für zwei“, verspricht der Event-Reiseveranstalter Jollydays für einen Kurzurlaub in einem „Iglu-Dorf“ bei Kitzbühl. Nehmen wir das Angebot für einen Augenblick beim Wort, um den aktuellen Begriff des ‚Romantischen’ zu bestimmen: Das „Romantik Iglu“ bietet die „einzigartige Gelegenheit, in die jahrtausend alte Tradition der Inuit einzutauchen und eine Nacht in einem romantischen 2er-Iglu mitten in der verzauberten Winterlandschaft zu verbringen“. Gefordert ist der Wille zur Illusion: „Lassen Sie sich verzaubern von der fantastischen Atmosphäre der riesigen Bauten oder von den originalgetreuen Schneeskulpturen, die das Dorf zum Leben erwecken“. Für den Komfort, auf den die wenigsten gerade im Urlaub verzichten wollen, ist gesorgt: „Genehmigen Sie sich einen Schlummertrunk in der Eis-Bar und kuscheln Sie sich danach im Iglu in den wohlig warmen Schlafsack“. Es handelt sich um eine lohnende Investition, die lange Zeit vorhält, auch wenn der Urlaub selbst nur eine Übernachtung andauert: „Diese Nacht wird zu einem unvergesslichen Erlebnis, das Abenteuer und Luxus geschickt vereint!“ Romantisch wäre heute somit die höchst unwahrscheinliche Fähigkeit, sich in einer fremden Lebenswelt bewusst zu verlieren, um dort geschickt vermarktete Erlebnisse zu genießen und sich Erinnerungen zu kaufen. Ist das so weit entfernt von der romantischen „Erfindung der Moderne“ ‚um 1800’?
Romantisch kann so gut wie alles sein.
Es gibt romantische Musik, Kunst oder Literatur. Romantik findet sich in Beziehungen oder auch in der Politik. Als Sozialromantik entwirft sie ein Bild vom guten Leben, als Naturromantik eine Gegen-Utopie zur rabiaten Vernichtung der ausgebeuteten und benutzten Welt. Romantisch können Hemdkragen, Haarschnitte oder die Form eines Hosenbeins sein – und eben auch ein Iglu in einem Ferienort für ehemalige Traumfußballer, für Halbprominente und Neureiche. Zwar hätten sich das die Romantiker nicht so träumen lassen. Dennoch waren sie ‚um 1800’ die erste wirklich partytaugliche Jugendbewegung Berlins. Sie haben für eben diese Universalisierung einer Einstellung den Boden bereitet: Der Romantik ging es um eine Art jugendliches Lebensgefühl, um einen Lifestyle, der alles berührt, durchdringt und aufregender, interessanter, erregender macht. Die berühmte Definition des neuen Ideals einer „progressiven Universalpoesie“ durch Friedrich Schlegel behauptet daher, dass die „romantische Poesie“ die „Poesie lebendig und gesellig, und das Leben und die Gesellschaft poetisch machen“ will.
Copyright © Steffen Martus – Jul 29, 2007






