thema:romantik

Marcel Maas

Vergiss Romeo und Julia

Ein befindlichkeitsfixierter Essay über „love, that sucks“, undrastische Romantik und die Hamburger Schule


Man kennt das: Die WG ist düster, die Rollladen streifen das Fensterbrett, der penetrante Geruch von geöffnetem halbleerem billigem Rotwein, einer depressiv hohen Menge von Zigaretten und verbrannten Polaroidfotos steht in den Räumen und sammelt sich unter den Altbaudecken. Und zu allem läuft Kettcar.

love sucks!

Kettcar oder Tocotronic oder auch das zweite oder dritte Album von Tomte, wahrscheinlich aber sogar alle drei Bands – und noch einige mehr, zusammengemixt in einer Playlist bei iTunes, die „love sucks“ oder ähnlich heißt. Und während man sich an Sätzen wie Es ist nur der Wind, der dich wachen lässt und nicht die Konsequenzen, die du alleine ziehst und die Träume, die du hast, in dieser schmutzigen Sekunde und natürlich Und nichts ist mehr romantisch, wenn man´s genau betrachtet wie an vertrauten Saufkumpanen festhält, denkt man an all die Zeit, die man vergeudet hat, mit Bemühen, mit Sehnen, mit Gefühlen. Jetzt ist man ganz gerne nichts als hetero und männlich, blass und arm, allein mit sich selbst und vor allem eins: befindlichkeitsfixiert.

Da findet man sich zurecht, kennt sich aus nach langen Jahren mit hoher Fluktuation von Lebensabschnittsgefährtinnen, weiß die richtigen tonlosen Antworten auf die richtigen mitleidsvollen Fragen der Freunde und Eltern. Das ist einfach, und vor allem einfacher als das Vorher, wo man sich anstrengen, zusammenreißen, bemühen musste, um ja nichts zur falschen Zeit am falschen Ort zu sagen, zu tun, zu unterlassen. Der, dem es schlecht geht, genießt Narrenfreiheit in sozialen Fragen, zumindest für gewisse Zeit. Unkontrolliertes Schreien, Weinen, Saufen, Hochfliegen, Abstürzen, Abnehmen, Zunehmen, all das ist erlaubt, gebilligt, ja sogar unausgesprochen gefordert, denn so geht es jedem Mal und Zeit heilt alle Wunden, aber es dauert eben einem Weile.

Angenehm undrastisch verstanden werden. Ja, bitte.

Hauptsache, man hat den Soundtrack dazu: Denn es kommt mir manchmal so vor, als wäre nicht genug alleine für mich da. Ah ja, so fühlt es sich, das Alleinsein, das Traurigsein, das nüchtern-coole Leiden.
Die Hamburger Schüler können das so charmant verklausuliert sagen, so studentisch geisteswissenschaftlich, sie müssen nicht immer von love oder tears sprechen und singen (oder leiern) trotzdem genau das, was man fühlt während gerade die letzten Fotos vom gemeinsamen Urlaub zu einem Häufchen zusammenkokeln. 'Das ist das Beste an dieser Musik', denkt man, 'das ist so angenehm undrastisch und nur dem aufmerksamen Zuhörer zugänglich in seiner Sprache, das fühlt sich besonders an.'

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Copyright © Marcel Maas – Dec 7, 2007

Tocotronic [Copyright (c) 2007 Universal Music]
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Tomte [Copyright (c) 2007 Ingo Pertramer]
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Kettcar [Copyright (c) 2007 Martina Drignat]
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