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Anna Basener

Lieder ohne Leiden oder die Sehnsucht der blauen Plastikblume

Ein Streifzug durch die romantische Welt des Schlagers von Novalis bis Udo Jürgens.


Hör ich ein Lied, irgend ein Lied, dann ist es vielleicht Udo Jürgens, und wenn dem so ist, ist es wahrscheinlich sehr spät. Immer wieder geht die Sonne auf, weiß der Schlager, und in Wahrheit wissen wir das alle. Wir lassen es einem DJ in den frühen Morgenstunden auch durchgehen, wenn er bekennen will: Er war noch niemals in New York. Für Situationen wie diese ist der Schlager gerade gut genug, als Rausschmeißer, natürlich nicht für mehr, natürlich nicht für uns. Soviel heile Welt heilt unsere Wunden nicht, denn die sind so viel tiefer in Zeiten wie diesen, in denen wir suchend scheitern, immer wieder und immer wieder gerne.

Keine Sonnenblumen auf dem Gipsverband der Psyche, bitte

Irgendwo muss doch noch ein Stück Selbstfindung zu holen sein, auch wenn wir daran zerbrechen (was wir übrigens müssen, um zu wachsen). Sind wir also endlich zerbrochen, an der Ambivalenz gleichzeitigen Fern- und Selbstwehs, dann hilft es nicht, wenn Udo Jürgens musikalische Sonnenblumen auf den psychischen Gipsverband malt. Gegen Zerbrochensein und Zerrissenheit hilft sowieso nichts, das muss man ertragen. Wie all das mehr, was es zu ertragen gilt, und da kann man sich nicht rausreden mit dem Herbstwind, der es so wollte und einem Schicksal, das es uns nun mal so bestimmt.

Wir sind soviel ungeschöpftes Potential auf der Suche nach Selbstverwirklichung im weiten Ganz-Woanders, dass wir über Liebe ohne Leiden nur lächeln. Ohne Leiden, wie soll das gehen? Wozu haben wir es denn so mühsam erlernt, das Leiden und das Scheitern und all das andere? Dunkelheit für immer gibt es nicht. Nein, für immer nicht. Zugegeben. Aber, dass sie existiert, die Dunkelheit, können wir aus eigener Erfahrung sagen.

Kurz hinter der Postmoderne: Adam Green und das Zauberwort

Sagen können wir überhaupt sehr viel, sehr selbstreflexiv. Und erst dann, wenn sich dieses Selbst, das noch nicht fertig ist - und wahrscheinlich nie sein wird - sich in unserem iPod spiegelt, dann treffen wir, wahrscheinlich begleitet von Adam Green, der gerade Textfragmente von William Blake zersingt, das Zauberwort aus Eichendorffs Gedichten.

Dekonstruiert und ironisch gebrochen muss es sein, das Kunstwerk, das uns berührt. Und dann fühlen wir stellvertretend für alle: Die Welt hebt an zu singen. Wir lassen uns durchaus erheben, wir sind ja gar nicht so. Aber für das, wovon hier zu sprechen ist, für dieses völlig ungebrochenes Werk populärer Kultur, den Schlager, sind unsere beladenen Seelen einfach zu schwer.

Wir, das ist eine Generation hyperreflektierter egoistischer Individualisten. Kurz hinter der „Postmoderne“, denn die ist eigentlich vorbei, leben wir Restfragmente einer vergangenen, in Verruf geratenen, Epoche. Und gestehen uns das nicht ein. Wir legen uns nicht fest, wollen in keine Schublade passen. Und schon gar nicht in die, auf der „Romantik“ steht, was für ein besetzter, verwaschener, abgenutzter Begriff. Da kann man ja gleich „Kitsch“ drauf schreiben. Sich nicht einordnen zu lassen, ist postmodern – wir wollen offen, flexibel, ja, universal sein.

Aber die Universalität war auch ein grundromantisches Prinzip, und trotzdem oder grade deswegen praktizieren wir es auch heute noch. Aber alles immer brav in Absetzung zum pseudoromantischem Liedgut.

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Copyright © Anna Basener – Jul 29, 2007

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